Interviewreihe “Fit für die Gründung – Profis starten durch!”

In diesen Interviews erzählen uns Gründerinnen und Gründer ihre persönliche Existenzgründungsgeschichte. Gemeinsam haben sie, dass sie den Sprung in die berufliche Selbstständigkeit aus einer Anstellung wagten.

Folge – 6 – Tech Consulting Services

Das Unternehmen Tech Consulting Services mit Sitz in Holzgerlingen berät produzierende Unternehmen im Bereich Nachhaltigkeit und Klima-Neutralität mit Fokus auf Energie- und Ressourceneffizienz, Emissionsminderung sowie Abfallvermeidung bei Lackier- und verfahrenstechnischen Anlagen. Die Zielgruppen sind Anlagenbetreiber und Anlagenbauer in den Branchen Oberflächentechnik, chemische u. verfahrenstechnische Industrie sowie Umwelttechnik.  Dr. Johann Halbartschlager, Doktor der technischen Wissenschaften und Dipl.-Ing. Chemieingenieurwesen gründete das Einzelunternehmen im Januar 2021. Seine Kunden sind in Deutschland, Österreich, USA und Südamerika aktiv.

Wie war Ihre berufliche Ausgangssituation vor der Gründung?

Dr. Johann Halbartschlager: Ich war für meinen damaligen Arbeitgeber, einen Anlagenbauer, 2015 und 2016 in China tätig und habe dort innerhalb von zwei Jahren den Bereich Umwelttechnik aufgebaut. Außerdem war ich Business Unit-übergreifend u.a. als In-House-Consultant für technologische Themen tätig. Insgesamt habe ich 35 Jahre für das Unternehmen in unterschiedlichen Fach- und Führungsfunktionen weltweit gearbeitet.

Was waren Ihre Beweggründe für den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit?

Die Geschäftsidee entstand durch viele Gespräche in meinem beruflichen Netzwerk. Dabei spielten die großen gesellschaftlichen Herausforderungen im Bereich Nachhaltigkeit und klimaneutrale Produktion eine wichtige Rolle.

Durch meine 35-jährige Berufspraxis, auch in Produktionsverantwortung, bin ich in der Lage Ökologie und Ökonomie, z.B. durch produktionsintegrierten Umweltschutz, in Einklang zu bringen. Mein umfangreicher Erfahrungsschatz machte mich sehr zuversichtlich, dass ich mit meinem Angebot genau zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt komme.

Finaler Auslöser für die Selbstständigkeit als Consultant war letztendlich die Insolvenz meines Arbeitgebers.

Wie sah Ihr Gründungsprozess aus?

Mein Gründungsprozess war sehr zielorientiert. Bereits im Vorfeld habe ich Akquise-Gespräche mit potenziellen Kunden geführt, konkrete Leistungspakete und Angebote formuliert, Fördermöglichkeiten abgeprüft und einen Businessplan geschrieben.

Ein guter Freund, der ehrenamtlich in der Gründungsberatung tätig ist, stellte mir hierbei die richtigen Fragen zu meinem Leistungsspektrum, Markt und Wettbewerbern, Alleinstellungsmerkmalen, Chancen und Risiken. Auch die Senioren der Wirtschaft haben mich unterstützt.

Welche Bedenken bzw. Ängste hatten Sie im Zusammenhang mit der Gründung und wie sind Sie damit umgegangen?

Meine Bedenken bezogen sich lediglich auf die Frage, wie ich schnellstmöglich Aufträge erhalte. Der Austausch mit meinem Netzwerk, aus z.B. ehemaligen Kollegen und Wegbegleitern, war für die ersten Aufträge sehr hilfreich. Letztendlich bin ich für eine erste erfolgreiche Akquise direkt auf einen ehemaligen Kunden zugegangen.

Was ist für Sie besonders spannend in der beruflichen Selbstständigkeit?

Es sind die vielfältigen persönlichen Kontakte zu Menschen in völlig unterschiedlichen Branchen und dass sich meine beratende Tätigkeit sehr stark mit Zukunftsthemen beschäftigt.  Auch schätze ich es sehr, dass ich die Arbeitszeit weitgehend frei einteilen kann.

Wie hat sich Ihr beruflicher Alltag gegenüber der Anstellung verändert?

Mein beruflicher Alltag hat sich dadurch nicht so stark verändert. Auch in meiner Anstellung musste ich verschiedenste Themen koordinieren, das ist in meiner Selbstständigkeit weiterhin ein wichtiger Aspekt. Mein Arbeitspensum ist eher höher, da mein Anspruch, die Kunden exzellent zu bedienen teilweise ein vertieftes Einarbeiten in neue Themen erfordert. Dafür schätze ich die zeitlichen Freiräume sehr, die nun größer sind. Selbstständig sein, bedeutet für mich nicht ständig zu arbeiten. Meine Tätigkeit konzentriert sich heute weniger auf die „klassischen Arbeitszeiten“, dadurch kann ich private und berufliche Termine besser in Einklang bringen und flexibler auf Kundenbedürfnisse eingehen. Der Aspekt des Selbstmarketings hat an Bedeutung gewonnen, man muss als Selbstständiger aktiv und interessiert auf Menschen zugehen sowie für sein Angebot begeistern können und den Mehrwert transportieren.

Mit welchen unternehmerischen Herausforderungen müssen Sie umgehen?

Die Herausforderung besteht darin, dass ich als „Solist“ auf Terminänderungen bei Kunden sehr flexibel reagieren muss. Entscheidungen bei Kunden dauern mitunter einiges länger oder werden verschoben. Das bedeutet für mich, dass ich immer wieder neu disponieren muss. Insofern ist es vorteilhaft, immer mehrere Projekte parallel in der Umsetzung zu haben. Bei allem Abarbeiten der Aufträge darf man das Netzwerken und die Akquise nicht vergessen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Unternehmer bisher mit Krisen gesammelt?

Aufgrund meiner breiten thematischen Aufstellung kam ich bislang in keine Krisensituation. Ein Grundsatzrisiko ist aus meiner Sicht ist, dass bei Krisen reflexartig externe Dienstleistungen als Erstes auf den Prüfstand gestellt werden. Umso wichtiger ist es, nicht von einem einzigen (Groß-)Kunden abhängig zu sein.

Welche konkreten Tipps können Sie frischen Gründer:innen geben?

Gründer:innen sollten sich folgende Fragen ehrlich beantworten:

  • Wie unterscheide ich mich von Wettbewerbern? Welche Alleinstellungsmerkmale habe ich?
  • Wird mein Angebot langfristig nachgefragt?
  • Kann ich Akquise?

Man sollte sein bisheriges berufliches Netzwerk dahingehend hinterfragen, ob es einen bei der Auftragsgenerierung unterstützen kann.  Ich empfehle stetig an der Erweiterung des Netzwerkes zu arbeiten, z. B. durch Teilnahme an Tagungen, Messen etc. Entscheider:innen ist es häufig wichtig, den Menschen, der hinter einer Dienstleistung steht, persönlich zu kennen, bevor man zusammenarbeitet. Zumindest in meinem Metier ist das so. Auch kann man Vorträge halten und Artikel in Fachzeitschriften platzieren, um den eigenen Bekanntheitsgrad und Expertenstatus zu erhöhen.

Es ist ebenfalls hilfreich, auf externe Spezialist:innen, beispielsweise für Steuerthemen, zurückzugreifen. Nicht nur in der Gründungsphase, sondern auch danach, um sich auf das eigene Kernbusiness konzentrieren zu können!

Auch das Einbinden des persönlichen Umfelds, in die Gründungsgedanken, ist wichtig. Denn möglicherweise muss der Partner zu Beginn der Selbstständigkeit stärker zum Lebensunterhalt beitragen.

Welche Qualitäten sollte man als Unternehmer:in mitbringen bzw. sich aneignen?

Freude am Kontakt mit Menschen halte ich für wichtig. Ganz entscheidend ist es, sein eigenes Produkt oder die Dienstleistung verkaufen zu können. Ebenfalls sollte man seine Resilienz für stressige Tage stärken.

Was war in der Gründung Ihre größte Lernerfahrung?

Man muss sich konsequent auf den Weg machen und dranbleiben. Wie schon erwähnt, sollte man auf potenzielle Kunden zugehen, ihnen zuhören und sich mit ihren Herausforderungen beschäftigen. Dann gelingt es, den eigenen Mehrwert zu transportieren. Daraus eröffnen sich immer wieder Türen und neue Perspektiven, die neue Geschäftschancen bieten.

Was würden Sie heute bei Ihrer Gründung anders machen und warum?

Bezüglich Gründung würde ich nichts anders machen. Ich frage mich selbst, warum ich nicht schon viel früher den Weg in die Selbstständigkeit gegangen bin!

Herzlichen Dank für den Einblick und die Anregungen!

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In diesen Interviews erzählen uns Gründerinnen und Gründer ihre persönliche Existenzgründungsgeschichte. Gemeinsam haben sie, dass sie den Sprung in die berufliche Selbstständigkeit aus einer Anstellung wagten.

Folge – 5 – proofnet GmbH

Die proofnet GmbH wurde im Jahre 2015 gegründet und besteht aktuell aus rund 10 MitarbeiterInnen. Das Unternehmen ist spezialisiert auf den Security PenTest im Automotive Umfeld, insbesondere dem Bereich Connected Car. Vereinfacht gesagt wird versucht, die Automotive Steuergeräte der Kunden in deren Auftrag anzugreifen, um Schwachstellen aufzudecken und im äußersten Fall auch konkret auszunutzen.

proofnet unterstützt und begleitet seine Kunden während der Entwicklung zukünftiger Fahrzeuggenerationen und ist neben den Hands-on Untersuchungen, z.B. auch an Konzept-Reviews etc. beteiligt, sprich analysiert geplante Security Maßnahmen schon auf dem Papier und zeigt Verbesserungspotentiale hinsichtlich der Absicherung auf.

Das Unternehmen arbeitet auf diesem Gebiet sowohl mit internationalen OEMs im Automobilbereich als auch mit Zulieferern von Connected Car Steuergeräten zusammen. Geleitet wird das Unternehmen von den zwei geschäftsführenden Gesellschaftern: Roman Schmidt und Susanne Goldammer, die das Unternehmen gemeinsam aufgebaut haben.

Wie sah der Gründungsprozess des Unternehmens aus?

Susanne Goldammer: Der Gründung der proofnet GmbH ging eine jahrelange Selbständigkeit als Freiberufler voraus. Zuvor war ich kurze Zeit bei einem Unternehmen angestellt, für das ich bereits als Studentin tätig war. Die fachlichen Themen als Selbstständige waren anfangs eher entwicklungsorientiert, aber immer schon mit Anlehnung an die Bereiche Automotive und/oder Security. Mit den Jahren haben sich die Projekte mehr und mehr in den Bereich Security Pen Test verschoben, nachdem der Bedarf hierfür bei den Kunden zunehmend in den Fokus gerückt ist.

Was bewegte Sie zur Gründung der GmbH?

Die Freiberuflichkeit ist vom Grundsatz her eine schöne und sehr freie Art der Selbständigkeit. Durch permanent steigende Kundenanfragen und durch die große rechtliche Unsicherheit in Bezug auf das Thema Scheinselbständigkeit, war die Gründung einer GmbH der richtige logische Schritt. Die Außenwirkung einer GmbH ist zudem eine ganz andere, als bei einem Freiberufler.

Was ist für Sie besonders spannend in der beruflichen Selbstständigkeit?

Der tägliche Spagat zwischen MitarbeiterInnen, Kunden und den vielfältigen Themen kann einem auf der einen Seite den Schlaf rauben. Andererseits macht es Spaß, wenn die Planungen, Ideen und Gedanken Wirkung zeigen und wir unsere Kunden ein echtes Stück voranbringen, z.B. in dem wir wichtige Security Schwachstellen aufdecken und sie so die Chance bekommen, diese noch vor Markteinführung zu beheben.

Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag im Laufe der Jahre in der Selbstständigkeit verändert?

Als studierte Informatikerin war ich viele Jahre selbst ganz tief fachlich in die Projekte eingebunden und habe Hands-On an den Steuergeräten gearbeitet. Das hat sich mit zunehmender Unternehmensgröße verändert, d.h. ich verbringe einen Großteil meiner Zeit heute mit Projektabstimmungen, Aufgabenplanung, Mitarbeiterführung, Problemlösungen, Recruiting, Projektakquise, Neukundengewinnung etc. Die strikte Trennung nach Fachkraft, Manager und Unternehmer gibt es bei uns nach wie vor nicht. Ich persönlich finde das auch nicht schlimm, es ist sehr abwechslungsreich.

Welche Bedenken bzw. Ängste hatten Sie im Zusammenhang mit der Gründung und wie sind Sie damit umgegangen?

Die Gründung der GmbH an sich hat keine neuen Ängste hervorgerufen. Allerdings sind mit der GmbH-Gründung erste Mitarbeiter ins Unternehmen gekommen. Das bedeutete für mich, dass ich mit vielen neuen Aufgaben wie Mitarbeiterführung, Mitarbeitergesprächen, Aufgabenplanung, fachlichen Abstimmungen intern, der Lohnabrechnungen etc. konfrontiert wurde.

Der Schritt in die Freiberuflichkeit 2007 ging, so kurz nach dem Studium, tatsächlich mit der Sorge einher, ob ich damit den Lebensunterhalt für den nächsten Monat verdienen kann. Ich stamme nicht aus einer Unternehmerfamilie, in der man mit diesem Gedanken aufgewachsen ist und finanzielle Schwankungen sogar als normal ansieht. Im Nachhinein betrachtet war meine Sorge völlig unbegründet. Ich kann mich in all den Jahren nicht erinnern, dass ich mal keine Kunden und keine Projekte hatte.

Wie haben Sie Ihre ersten Kunden gewonnen?

Der erste Kunde ist aus Kontakten der vorherigen Anstellung entstanden. Nach der Kündigung durch meinen damaligen Arbeitgeber wollte der Kunde den Kontakt halten und die Projekte weiterführen. Wir arbeiten auch heute noch sehr eng zusammen und haben die Themen über die Jahre ausgebaut. Kunde 2 und 3 sind über die Freelancer Plattform Gulp akquiriert worden. Weitere Kunden kamen dann von sich aus auf uns zu, weil wir bereits in früheren Projekten für einen OEM zusammengearbeitet hatten.

Welche praktischen Tipps können Sie frischen Gründern oder Personen in der konkreten Gründungsüberlegung geben?

Ein finanzieller Puffer ist hilfreich. Bei mir war das eher nicht der Fall, weil die Selbständigkeit schon recht früh nach dem Studium anfing. Ich bin mit einem Businessplan gestartet. Den brauchte ich, für den Bezug des sogenannten Gründungszuschuss von der Agentur für Arbeit.

Die Buchhaltung und Umsatzsteuererklärung habe ich jahrelang selbst gemacht. Ich finde es wichtig, dass man seine Zahlen kennt. Viele Unternehmen scheitern, weil sie diese nicht im Blick behalten. Nach einigen Jahren, insbesondere mit dem Start der GmbH, der Mitarbeitereinstellung und den damit verbundenen Lohnabrechnungen, habe ich die Buchhaltung nach extern abgegeben.

Gibt es aus Ihrer persönlichen Erfahrung Aspekte, die Gründerinnen beim Schritt in die berufliche Selbstständigkeit besonders berücksichtigen sollten?

Es wird immer wieder über das Thema Altersarmut diskutiert, gerade bei Selbständigen. Man muss sich im Klaren sein, dass man zwangsläufig mehr verdienen sollte, als ein Angestellter. Nur so kann man seine eigene finanzielle Altersvorsorge betreiben und Ausfallzeiten wie Krankheit und Urlaub auffangen.

Das Thema Krankenversicherung ist auch zu durchdenken. Als freiwillig gesetzlich Versicherte hätte ich den Höchstbetrag bezahlt. Ich bin deshalb recht früh in die private Krankenversicherung (PKV) gewechselt. Was man in jungen Jahren spart, kommt bekanntermaßen über die Jahre obendrauf. Kinder müssen ebenfalls in der PKV versichert werden, sofern der besserverdienende Elternteil dort versichert ist.

Wie bleiben Sie als Unternehmer:in informiert und up to date?

Meist über Portale wie Xing oder LinkedIn, im Informatikbereich auch z.B. über Heise. Ich habe vor einer Weile ein Blinkist-Abo abgeschlossen. Dort werden Fachbücher (keine technischen!) auf 15 Leseminuten komprimiert. Oft gibt es diese auch zum Anhören, das empfinde ich als sehr praktisch. Fachlich bilden wir uns z.B. über die Black Hat, ein internationales Veranstaltungsformat zur Cybersecurity, weiter.

Welche unternehmerisch schwierigen Situationen haben Sie erlebt und wie sind Sie diesen begegnet?

Das größte Risiko für unseren Bereich ist tatsächlich der Fachkräftemangel. Wir haben seit kurzem eine neue Mitarbeiterin. Ihre Aufgabe ist das Recruiting und Employer Branding: Wenn man nicht sichtbar ist, hat man kaum eine Chance. Daran arbeiten wir gerade.

Welche Qualitäten sollte man als Unternehmer:in mitbringen bzw. sich aneignen?

Eigeninitiative und Eigenverantwortung sind die wichtigsten Eigenschaften. Man muss die Aufgaben und Bedürfnisse anderer sehen und erkennen, um dem Kunden hieraus einen Mehrwert zu bieten. Wichtig finde ich, dass man hinter dem steht, was man als Unternehmer:in tun möchte, statt aus Mangel an Alternativen ein Unternehmen zu gründen.

Herzlichen Dank für den Einblick und die Anregungen!

Neue Interviewreihe “Fit für die Gründung – Profis starten durch!”

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Folge – 4 – SPIRIT/21 GmbH

Die SPIRIT/21 GmbH begleitet als inhabergeführtes Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen Kunden seit knapp einem Vierteljahrhundert bei allen Fragen rund um die IT. Heute ist SPIRIT/21 mit mehr als 500 Mitarbeitenden an zehn Standorten in der DACH-Region vertreten. Im Laufe der Jahre wurde das Portfolio auf breitere Beine gestellt und durch eine Vielzahl innovativer IT-Angebote ergänzt. 2009 zogen sich die Gründer aus dem operativen Geschäft zurück. Zehn Jahre später regelten sie ihre Nachfolge und beteiligen das fünfköpfige Geschäftsführungsteam mit einem Management-Buy-Out am Unternehmen. Unsere Fragen stellten wir an Marc Bittig, den Vorsitzenden der Geschäftsführung, und seinen Vorgänger Markus Sieber, der Anfang 2022 in den Beirat wechselte.

Sie haben Ihr Unternehmen nicht neu gegründet, sondern ein bestehendes Unternehmen im Rahmen eines Management-Buy-out (MBO) übernommen. Wie kann man sich das vorstellen?

Markus Sieber (MS): Die Vorbereitungsphase – vom ersten konkreten Gespräch mit den Gründern und Alteigentümern bis zur Umsetzung des MBO – hat ungefähr drei Jahre gedauert. Zu Beginn wurden unterschiedliche Ansätze für die Nachfolgeregelung diskutiert. Dazu gehörte auch ein möglicher Verkauf des Unternehmens. In den Gesprächen kristallisierte sich heraus, dass die Gründer ihr Lebenswerk nicht aufgeben, sondern das Unternehmen in seiner jetzigen Form erhalten und an das eigene Management übergeben wollten. Damit war der Weg in Richtung Management-Buy-Out frei. Diese Grundsatzentscheidung war sehr wichtig, um die nächsten Schritte einzuleiten.

Wie war die Ausgangssituation vor dem MBO?

Marc Bittig (MB): Wir gehörten beide zum fünfköpfigen Geschäftsführungsteam und verantworteten bereits seit mehreren Jahren gemeinsam mit unseren Kollegen Eberhard Armbruster, Joachim Gutheil und Andreas Weiß alle strategischen Entscheidungen und damit die Entwicklung des Unternehmens.

Was war die Motivation für den MBO und damit Ihren Weg in die unternehmerische Selbstständigkeit?

MS: Im Geschäftsführungsteam waren wir uns – trotz unterschiedlicher persönlicher Ziele und Wertvorstellungen – schnell einig, dass wir genauso wie die Alteigentümer das Unternehmen in seiner jetzigen Form erhalten und nachhaltig am Markt positionieren wollten. Ohne dieses gemeinsame Grundverständnis wäre eine erfolgreiche Umsetzung des MBO ganz sicher nicht möglich gewesen.

Gab es Institutionen und Partner, die Sie in der Phase der Übernahme und anschließend hilfreich unterstützt haben? Wie sah diese Unterstützung konkret aus?

MS: Die Realisierungsphase war von vielen kniffligen juristischen, gesellschafts- und steuerrechtlichen Fragen begleitet. Deshalb beschlossen wir, eine Kanzlei hinzuzuziehen, die sich in der Materie gut auskennt und der beide Seiten vertrauten, die Alteigentümer und das neue MBO-Team. Mit der professionellen Begleitung haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. So gelang es, die Neutralität zwischen den Parteien zu wahren, Extrempositionen weitestgehend zu vermeiden und eine Beteiligungsstruktur zu entwickeln, die auf die Zukunft ausgerichtet ist und die Neuaufnahme bzw. das Ausscheiden von Gesellschaftern vertraglich regelt.

Was waren während des MBOs die größten unternehmerischen Herausforderungen für Sie?

MS: Der Wechsel des Eigentümers gehört zu den größten Einschnitten in der Entwicklung eines Unternehmens. Für die Gründer ist damit meist der Ausstieg aus dem Berufsleben und der Abschied von ihrem Lebenswerk verbunden. Da sind naturgemäß eine Menge Emotionen im Spiel. In der Entscheidungsphase war es für uns nicht immer einfach, die unterschiedlichen Argumente, Standpunkte und Befindlichkeiten aller Beteiligten zu balancieren. Nach intensiven Diskussionen und toughen Verhandlungen über den Unternehmenswert einigten sich schließlich alle Beteiligten auf gemeinsame Spielregeln und beschlossen, Anteile in gleicher Höhe zu übernehmen.
MB: Je mehr Stakeholder involviert sind – in unserem Fall waren es drei Alteigentümer und fünf potenzielle Neugesellschafter -, desto schwieriger wird es, die verschiedenen Interessenslagen unter einen Hut zu bekommen. Schließlich überzeugte die MBO-Lösung, mit der wir zwei wichtige Ziele adressieren konnten: Kontinuität in unseren Geschäftsbeziehungen und Zukunftsperspektiven für unsere Mitarbeitenden. Ein großer Vorteil war, dass das übernehmende Management-Team ja bereits bekannt und mit den Anforderungen auf Mitarbeiter- und Kundenseite bestens vertraut war. Aktuell geht es nun darum, die in uns gesetzten Erwartungen langfristig zu erfüllen.

Was hat sich durch den MBO in Ihrem Unternehmen verändert?

MB: Der erfolgreiche Abschluss des MBO war ein bedeutender Meilenstein in unserer Firmengeschichte. Er legte die Basis für die nachhaltige Weiterentwicklung des Unternehmens und bereitete einen Wechsel in der Geschäftsführung vor. Zwei wichtige Player, die den Management-Buy-Out maßgeblich mitgestaltet haben, verabschiedeten sich nach einer 18-monatigen Übergangsphase Ende 2021 aus der Geschäftsführung und wechselten in den Beirat: der damalige Vorsitzende Markus Sieber und sein Stellvertreter Eberhard Armbruster. Anfang 2022 rückte Matthias Hüttner als neues Mitglied nach, der Vorsitz wurde von mir übernommen. Auf diese Weise haben wir einen fließenden Übergang der Führungsverantwortung, Kontinuität im Management und damit ein wichtiges Unternehmensziel erreicht.

Welche Bedenken bzw. Ängste hatten Sie im Zusammenhang mit dieser Übernahme und wie sind Sie damit umgegangen?

MS: Eines war für uns Neugesellschafter von Anfang an klar: Dass wir uns und unsere Familien durch die Übernahme von Geschäftsanteilen langfristig an das Unternehmen binden – finanziell, beruflich und vor allem auch emotional. Die Vor- und Nachteile haben wir in unserem privaten Umfeld ausführlich diskutiert und sind gemeinsam zu der Entscheidung gelangt, dass für uns jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist, diesen Schritt zu tun und von der Angestellten- auf die Unternehmerseite zu wechseln.

Welche (Lern-)Erfahrungen haben Sie als Unternehmer bisher in Krisen gesammelt?

MB: Ruhe bewahren, die Lage analysieren, notwendige Entscheidungen rasch treffen und noch intensiver kommunizieren.

Welche konkreten Anregungen haben Sie für potenzielle Gründer oder Mitarbeiter:innen eines Unternehmens, die ein bestehendes Unternehmen übernehmen und führen wollen?

MS: Häufig wird der erforderliche Zeitaufwand und die emotionale Seite bei der Unternehmensübergabe unterschätzt. Unserer Erfahrung nach kommt es vor allem darauf an, den Eigentümerwechsel rechtzeitig und systematisch vorzubereiten. Dazu gehört neben der Einbeziehung externer Berater, die frühzeitige Information der Belegschaft und eine transparente, kontinuierliche Kommunikation mit allen Stakeholdern während der gesamten Übergangsphase.

Welche Qualitäten sollte man als Unternehmer:in mitbringen bzw. sich aneignen?

MB: Ohne Leidenschaft und ein Brennen für die Sache, klappt der Sprung auf die Unternehmerseite ganz sicher nicht. Spaß an neuen Themen und die Kraft, Ungewissheiten aushalten zu können, sind nach unserer Erfahrung weitere wichtige Eigenschaften. Selbstverständlich gehören auch eine gute Portion Risikobereitschaft, Durchsetzungsvermögen und vor allem gute Kommunikationsfähigkeiten dazu.

Was sind die nächsten großen Schritte für Sie und Ihr Unternehmen?

MB: Das kontinuierliche Verändern gewachsener Strukturen gehört seit jeher zu unserer Unternehmenskultur. Das aktuelle Geschäftsführungsteam steht dabei für eine mittelstandsorientierte Ausrichtung mit einem moderaten, am Markt orientierten Wachstum. Unser Ziel ist und bleibt die langfristige Existenz des Unternehmens. Mit unserem MBO wurde der Grundstein für ein Generationenmodell mit Perspektiven für nachfolgende Managementgenerationen gelegt. Das heißt, auch das heutige Führungsteam kann sich mittelfristig auf die gleiche Weise verändern und weiterentwickeln.

Welchen Mehrwert hat es für Ihr Unternehmen im Softwarezentrum angesiedelt zu sein?

MB: Unser Firmensitz befindet sich seit fast 20 Jahren im Softwarezentrum Böblingen/Sindelfingen. Das zeigt, dass wir uns hier – in unmittelbarer Nachbarschaft vieler junger und etablierter IT-Unternehmen – sehr wohl fühlen. Gerne nutzen wir die vorhandene Infrastruktur und die vielfältigen Networking-Möglichkeiten.

Herzlichen Dank für den Einblick und die Anregungen!

Neue Interviewreihe “Fit für die Gründung – Profis starten durch!”

In diesen Interviews erzählen uns Gründerinnen und Gründer ihre persönliche Existenzgründungsgeschichte. Gemeinsam haben sie, dass sie den Sprung in die berufliche Selbstständigkeit aus einer Anstellung wagten.

Folge – 3 – Shadow Your Future GmbH

Gründerin und Geschäftsführerin der Shadow Your Future GmbH ist Jill Hollender. Shadow Your Future (SYF) ist ein junges Start-up, das bei der praktischen Berufsorientierung sowie Nachwuchssicherung im Unternehmen unterstützt. Über eine Online-Plattform werden Schüler und Unternehmen über kurze, praktische Berufseinblicke, sogenannte “Shadowings”, zusammengebracht. Unternehmen haben dabei die Chance, Jugendliche frühzeitig, persönlich und individuell zu begeistern, um potentielle Nachwuchskräfte zu finden.

Wie hat sich Ihr Gründungsprozess gestaltet?

Jill Hollender: Ich habe SYF neben meiner Vollzeitbeschäftigung bei IBM ca. 6 Monate nach Abschluss meines dualen Masterstudiums 2019 gestartet. Zu diesem Zeitpunkt habe ich zunächst Markt- und Zielgruppenanalysen sowie Umfragen durchgeführt, um den Bedarf und das Konzept zu evaluieren. Zahlreiche Gespräche mit Unternehmen, Jugendlichen, Eltern und Lehrern haben mich in meinem Vorhaben bestärkt und eine Grundlage für die Erstellung eines Minimum Viable Product geboten, also einer provisorischen Plattform, um als Einzelunternehmen nebenberuflich zu starten. Durch die Vollzeitbeschäftigung, einen unternehmensinternen Rollenwechsel bei IBM sowie die Pandemie konnte ich die Selbstständigkeit im Nebenerwerb während dieser Zeit nur sporadisch und in kleinen Schritten vorantreiben.

Wie war Ihre berufliche Ausgangssituation vor der Gründung? Was war Ihre Motivation für die Gründung?

Die Motivation Shadow Your Future zu gründen, entstand durch meine Tätigkeit bei IBM. Während meines dualen Studiums durfte ich dort das Konzept eines Job Shadowings näher kennenlernen. IBM bietet Mitarbeitern intern die Chance, Einblicke in verschiedene Jobrollen im Rahmen eines Shadowings zu gewinnen. Man wird sozusagen zum „Schatten“ eines Mitarbeitenden, schaut ihm über die Schulter und erlebt dessen Berufsalltag hautnah. Genau diese kurzen Einblicke hätte ich mir als Jugendliche vor meinem Schulabschluss gewünscht, um meine Stärken, Schwächen und Leidenschaften besser kennenzulernen, um mich leichter für eine berufliche Laufbahn zu entscheiden. Was mich im nächsten Schritt auf das Konzept von SYF brachte und wodurch in mir die Gründungsmotivation gewachsen ist, war eine Studienreise in die USA. Während dieser Reise durfte ich zahlreiche Unternehmen in verschiedenen Städten kennenlernen, unter anderem im Start-up Hotspot Silicon Valley. Die Einblicke und Eindrücke waren für meine persönliche Entwicklung unglaublich wertvoll und genau diese Chance möchte ich Jugendlichen in ihrer Berufsorientierungsphase bieten.

Was hat sich nach der Gründung anders entwickelt als geplant, welche unerwarteten Ereignisse gab es?

SYF wird aktuell von zwei Investoren gefördert. Zu Beginn habe ich SYF eigenständig als Einzelunternehmen durch meine Vollzeitbeschäftigung finanziert. Eine Finanzierung über Investoren und die Gründung einer GmbH waren ursprünglich nicht geplant. Ich wollte das Start-up zunächst nebenberuflich als zweites Standbein aufbauen und meine Karriere bei IBM weiterführen. Als ich 2021 einen potenziellen Kunden gewinnen wollte, war dieser vom Konzept und Potenzial begeistert und hat mir eine Förderung als Investor angeboten. Dieser Investition stand ich zunächst sehr skeptisch gegenüber, denn ich hatte mich mit dem Gedanken, Unternehmensanteile für eine Finanzierung abzugeben nicht beschäftigt. In Gesprächen mit dem Investor wurde mir klar, was für eine einmalige Chance mir geboten wurde und ich fasste Vertrauen. Bevor ich den Schritt wagte in Vollzeit für mein Unternehmen tätig zu werden, konnte ich einen weiteren Investor begeistern, mit einzusteigen. Im Oktober 2021 bin ich als Geschäftsführerin der Shadow Your Future GmbH gestartet.

Gab es Institutionen, die Sie in der Gründungsphase und anschließend hilfreich unterstützt?

Als ich mir das Konzept von SYF und eine mögliche Umsetzung überlegt hatte, stand ich vor diversen Herausforderungen. Eine erste Unterstützung habe ich bei einer einstündigen kostenlosen Gründungsberatung im Stuttgarter Rathaus erhalten. Für alle weiteren Fragestellungen habe ich mich an die Senioren der Wirtschaft gewandt, über die ich bis heute großartige Unterstützung erfahre. Die Expertise und das Netzwerk sind Gold wert und die Beratung erfolgt ehrenamtlich durch ehemalige Führungskräfte und Unternehmer. Über die Wirtschaftssenioren konnte ich mich mit der Wirtschaftsförderung in Rutesheim vernetzen, die mich mit einem Pilotprojekt und ihrem Netzwerk wiederrum unterstützt hat, über das ich auch mit dem Investor in Kontakt gekommen bin. Über das Pilotprojekt konnte ich erste Kunden gewinnen.

Wodurch unterscheiden Sie sich von Ihren Wettbewerbern?

Wir bieten keine weitere Ausbildungs- oder Stellenbörse, sondern setzen einen Schritt vorher in der Berufsorientierungsphase an. Jugendliche wissen oft noch nicht, wo ihre Stärken und Schwächen liegen oder in welchen Unternehmen sie gerne arbeiten möchten. SYF ermöglicht es ihnen das herauszufinden, um im Anschluss eine fundierte Entscheidung für den beruflichen Weg zu treffen. Schüler können durch uns mit Unternehmen einfach in Kontakt treten und einen unverbindlichen, praktischen Einblick anfragen.
Diese ermöglichen es den Unternehmen mit geringem Kapazitätsaufwand zahlreiche Jugendliche früh zu begeistern; sie ersparen spätere kostenintensive Recruiting-Aufwände und reduzieren Ausbildungsabbrüche. Wir kooperieren wir mit zahlreichen Schulen, bieten Social Media Marketing sowie eine schülergerechte Formulierung der Shadowing Angebote.

Was ist für Sie besonders spannend in der beruflichen Selbstständigkeit?

Die Freiheit den Alltag selbst zu bestimmen und die Motivation ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen, was einen gesellschaftlichen Mehrwert bietet, waren für mich die Hauptargumente für die Selbstständigkeit. Aus jeder Aktivität und jedem Gespräch ergeben sich neue Ideen, Termine, Aufgaben, die sehr abwechslungsreich und aufregend sind. Ich lerne unglaublich viel in allen Bereichen des Unternehmertums, persönlich und inhaltlich. Es ist ein Abenteuer!

Was waren und sind die größten Herausforderungen und wie gehen Sie damit um?

Die Selbstständigkeit bringt neue Herausforderung mit sich. Alles steht und fällt mit der eigenen Unternehmerpersönlichkeit. Man muss den Tag sehr gut strukturieren, um effizient arbeiten zu können und den Überblick nicht zu verlieren. Wenn etwas nicht so gelaufen ist, wie man es sich vorgestellt hat, muss man sich auch wieder selbst motivieren. Man braucht viel Geduld, Durchhaltevermögen. Ich musste lernen Pausen zu machen, um abzuschalten und um neue Energien zu tanken. Meine größte Herausforderung in diesem Zusammenhang war es, dem Arbeitstag ein Ende zu setzen. Ich habe für mich herausgefunden, dass Kurz-Trips in regelmäßigen Abständen optimal sind, um guten Gewissens abzuschalten, die Vogel-Perspektive nicht zu verlieren und auf neue Ideen zu kommen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Unternehmer:in bisher mit Krisen gesammelt und wie gingen/gehen Sie damit um?

Die Selbstständigkeit ist geprägt von Höhen und Tiefen. Mir hat gezeigt, dass ein kurzes Telefonat mit meinen Investoren sehr hilft, schnell Lösungen zu finden. Beide sind erfahren und pragmatisch. Ich finde es daher sehr wichtig, jemanden an der Seite zu haben, der daran erinnert: „Geht nicht, gibt’s nicht“.

Wo soll Ihr Unternehmen in fünf Jahren stehen?

Über SYF sollen Shadowings deutschlandweit und darüber hinaus angeboten werden, um Schüler und Unternehmen zusammenzubringen. SYF soll als Baustein im Rahmen der Berufsorientierung jeder Schule zugänglich gemacht werden.

Herzlichen Dank für den Einblick und die Anregungen!

Neue Interviewreihe “Fit für die Gründung – Profis starten durch!”

In diesen Interviews erzählen uns Gründerinnen und Gründer ihre persönliche Existenzgründungsgeschichte. Gemeinsam haben sie, dass sie den Sprung in die berufliche Selbstständigkeit aus einer Anstellung wagten und in unserem Softwarezentrum ansässig sind.

Folge – 2 – In-Xperts GmbH

Die In-Xperts GmbH ist ein Personalberatungs- und Headhunting-Unternehmen in Böblingen und ist Tochterunternehmen der Softwaremanufaktur Inno-Tec. Sie hat drei Geschäftsführer: Oliver Hupfeld, Maxim Shpakov und Christian Nussbaum. Christian Nussbaum ist auch geschäftsführender Gesellschafter, es gibt eine Angestellte im Bereich Talent Sourcing.  Die Spezialität des Unternehmens ist die Suche und Gewinnung von Fachkräften, besonders aus IT und Digitalisierung. Zudem bietet es Karriereberatung und Interimslösungen an.

Wie sah Ihr Gründungsprozess aus, wie hat sich dieser gestaltet?

Christian Nussbaum: Wir haben das Unternehmen mit der Inno-Tec zusammen gegründet, einem meiner ältesten und treusten Kunden. Die Inno-Tec hatte großen Recruiting-Bedarf und wollte eine „Beratungstochter“ gründen. Ich spielte seit meiner Zeit als Personalberater mit der Idee der Selbständigkeit. Der Kundenstamm entsteht hier immer mit persönlichem Bezug und unabhängig vom Unternehmen, für das der Personalberater arbeitet. Es ist ein klassisches „Peoplebusiness“ und die Wahrscheinlichkeit, dass Partner einem bei einer Selbständigkeit erhalten bleiben, ist sehr hoch. Wir hatten 2019 bereits lose über dieses Thema diskutiert, durch die Corona-Pandemie schliefen die Gespräche wieder ein. Im Januar 2021 haben wir dann den Schritt relativ spontan gewagt.

Wie war Ihre berufliche Ausgangssituation vor der Gründung?

Ich bin ausgebildeter Informatikkaufmann und war seit 2015 als Angestellter in der Personalberatung tätig. Ich habe zwar durch meine IT-Vergangenheit seit 2008 im Nebenerwerb ein Kleinunternehmen angemeldet, hier aber nie geplant, dies in eine vollständige Selbständigkeit zu überführen.

Was war Ihr Beweggrund für die Gründung?

Die Personalberatungsbranche ist prädestiniert für eine Selbständigkeit, da man auch im Anstellungsverhältnis als „Unternehmer im Unternehmen“ tätig ist und seinen eigenen Kunden- und Kandidatenstamm aufbaut. Nach einigen Jahren in der Branche entwickelte ich mein eigenes Verständnis für das Geschäft und auch meinen eigenen Weg, der mich erfolgreich machte. Dieser ist nicht immer mit der Ausrichtung eines Arbeitgebers vereinbar und dann kommt man um eine Gründung eigentlich nicht mehr herum.

Welche Bedenken hatten Sie im Zusammenhang mit der Gründung und wie sind Sie damit umgegangen?

Als Familienvater mit laufendem Hauskredit hatte ich die Sorge, ob ich ohne die Absicherung durch einen Arbeitgeber meine Familie versorgen kann. Bei unserer Gründung war der Investitionsbedarf gering. Wir benötigten keinen großen Maschinenpark o. ä. Wenn wir gescheitert wären, wäre der finanzielle Verlust überschaubar gewesen und der Wechsel zurück in eine Festanstellung relativ schnell möglich. Deshalb war es ein kalkulierbares Risiko.

Was hat Ihnen bei der Gründungsentscheidung geholfen?

Ich habe mit Oliver Hupfeld und Maxim Shpakov zwei Partner, die im Bereich Unternehmensgründung und -führung schon viel Erfahrung sammelten und auf ein umfassendes Netzwerk aus Steuerberatern, Anwälten, Notaren, etc. zurückgreifen konnten. Außerdem waren wir von Anfang an unabhängig von Drittkapital, da die Inno-Tec als Gesellschafterin bei Bedarf genügend liquide Mittel vorhalten konnte. Wir profitierten zusätzlich von ihren Organisationsstrukturen und dem Netzwerk:  Das war ein absoluter „Kickstarter“ für uns!

Welche Veränderungen brachte die Selbstständigkeit für Sie?

Im ersten Moment war es ein „komisches“ Gefühl, keinem Chef mehr Rechenschaft ablegen zu müssen. Eine komplette Selbstorganisation und sich mit Themen außerhalb des „klassischen“ Jobs, wie Buchführung, Marketing, PR und Verwaltung zu beschäftigen, war am Anfang ungewohnt. Allerdings waren dies schon immer Themen, mit denen ich mich gerne beschäftigt habe.

Wie haben Sie die ersten Kunden gewonnen?

Die meisten meiner Kunden begleiten mich schon seit Jahren und resultieren aus meinen Kaltakquise-Aktivitäten. Heute profitieren wir bei der Neukundengewinnung vor allem von unserem Ruf und von Mundpropaganda.

Was ist der nächste große Schritt für Sie und Ihr Unternehmen?

Die Einstellung einer Vollzeitkraft wird der nächste große Schritt für uns, hier sind wir bereits auf der Suche. Verantwortung für einen Mitarbeitenden zu übernehmen und diesem eine solide Grundlage und einen sicheren Arbeitsplatz zu bieten, ist eine große Verantwortung.

Was ist für Sie besonders spannend in der beruflichen Selbstständigkeit?

Die Vielseitigkeit der Aufgabe und die Eigenorganisation. Und natürlich, wiegen Erfolge nochmals mehr, wenn es das eigene Unternehmen ist.

Welche Tipps möchten Sie Gründungsinteressierten geben?

Suchen Sie sich starke Partner und Rat bei Leuten, die bereits erfolgreich gegründet haben. Zudem ist ein guter Steuerberater absolut Gold wert. Starke Geschäftspartner sind auch wichtig. Nehmen Sie Ratschläge und Hilfe an, falsche Eitelkeiten sind Gift für den Erfolg.

Was war in der Gründung Ihre größte Lernerfahrung?

Dass Selbständigkeit nicht unbedingt heißen muss, man arbeitet selbst und ständig. Man kann mit einem geordneten Tagesablauf und einer normalen Arbeitslast als Unternehmer in der Gründung- und Startup-Phase erfolgreich werden.

Was hat sich nach der Gründung ganz anders entwickelt als geplant, welche unerwarteten Ereignisse gab es und welche Auswirkungen hatte dies?

Überraschend positiv war die Resonanz aus dem Netzwerk und wie viele ehemalige Interessenten mit uns zusammenarbeiten wollten. So mussten wir im ersten Jahr keinerlei Akquise betreiben. Negativ war leider das Thema Markenschutz, das wir etwas unterschätzt und zu wenig Recherche betrieben hatten. So mussten wir nach einem halben Jahr die GmbH umbenennen, was mit Verwaltungsaufwand verbunden war. 

Warum haben Sie sich für eine Ansiedlung im Softwarezentrum entschieden?

Zum einen ist die Inno-Tec schon seit Jahren im Softwarezentrum ansässig, was die Entscheidung natürlich obligatorisch machte. Darüber hinaus wird ein professionelles Umfeld für junge Unternehmen geboten. Man muss sich nicht um Infrastruktur, Hausmeister, Technik o. ä. kümmern und das zu einem fantastischen Preis. Ebenso ist die Nähe zu anderen interessanten und ambitionierten Unternehmen eine große Chance für Partnerschaften und wichtige Informationen.

Welche Qualitäten sollte man als Unternehmer:in mitbringen bzw. sich aneignen?

Ein offenes Mindset auf alle Fälle und die Bereitschaft, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen. Zudem sollte man immer offen für neue Ideen und Chancen sein und falsche Eitelkeit über Bord werden.

Herzlichen Dank für den Einblick und die Anregungen!

Neue Interviewreihe “Fit für die Gründung – Profis starten durch!”

In diesen Interviews erzählen uns Gründerinnen und Gründer ihre persönliche Existenzgründungsgeschichte. Gemeinsam haben sie, dass sie den Sprung in die berufliche Selbstständigkeit aus einer Anstellung wagten und in unserem Softwarezentrum ansässig sind.

Folge – 1 – Living Mainframe GmbH

Living Mainframe, gegründet 2018, berät und unterstützt mit sechs Mitarbeitern in Projekten im Bereich IBM-Großrechner (Mainframe). Das Unternehmen stellt sicher, dass der Mainframe eine attraktive Option für innovative IT-Projekte bleibt. Mainframe ist eine Hardwareplattform, die als Zentralrechner in großen IT-lastigen Konzernen (Versicherungen, Banken, Automobilkonzernen) zum Teil schon seit mehreren Jahrzehnten eingesetzt wird. Marc Bauer ist Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens.

Wie sah Ihr Gründungsprozess aus?

Marc Bauer: Im April 2017 habe ich mich entschieden, meinen damaligen Arbeitgeber zu verlassen und selbstständig weiterzuarbeiten. Kurz darauf signalisierte ein ehemaliger Kunde sein Interesse, mich in seine Projekte mit einzubinden. Daraufhin bin ich zunächst als freiberuflicher IT-Berater gestartet. Das sehr gute Feedback der Auftraggeber und die sehr hohe Nachfrage haben mich überzeugt, den Weg weiter zu bestreiten und einen ehemaligen Kollegen zu überreden, die Freiberuflichkeit auszuprobieren. Gemeinsam mit Andreas Gröschl habe ich 2018 die Living Mainframe GmbH gegründet.

Wie war Ihre berufliche Ausgangssituation vor der Gründung?

Vor der Selbstständigkeit habe ich bei IBM in einer Abteilung für Mainframe Projektunterstützung gearbeitet. Man kann sagen, dass ich genau das Gleiche vorher schon gemacht habe.

Was war Ihre Motivation für die Gründung?

Der Drang etwas Eigenes zu machen, eigene Entscheidungen zu treffen und für das eigene Glück und Unglück selbst verantwortlich zu sein. Dazu gehört auch, selber zu entscheiden, an welchen Projekten ich arbeite.

Haben Sie eine Finanzierung benötigt?

Wir haben keine Finanzierung benötigt und die ersten Ausgaben von der GmbH-Einlage bezahlt. Die größten finanziellen Faktoren im Rahmen der Gründung waren die Beschaffung von Laptops, Schreibtisch und Stuhl. Darüber hinaus mussten wir bedenken, dass besonders bei Verträgen mit Großunternehmen eine längere Zeitspanne, teilweise mehrere Monate, zwischen geleisteter Arbeit und bezahlter Rechnung liegen. Hierauf haben wir uns entsprechend eingestellt.

Welche Bedenken bzw. Ängste hatten Sie im Zusammenhang mit der Gründung und wie sind Sie damit umgegangen?

Ich hatte weder Ängste noch Bedenken. Aufgrund meiner vorherigen Tätigkeit kannte ich den großen Bedarf im IT-Bereich. Im Mainframe-Umfeld sah das nicht anders aus. Ich kannte also den Markt und wusste, wie Kunden in der Vergangenheit auf meine Arbeit reagiert hatten. Zudem hatte ich mir vorher schon ein breites Netzwerk an Kontakten aufgebaut. Auch das familiäre Umfeld stand einer Selbstständigkeit positiv gegenüber.

Welche Institutionen, Partner und Personen haben Sie in der Gründungsphase und anschließend unterstützt? Wie sah dies konkret aus?

Die Gründung wurde im Wesentlichen von meiner Steuerberatung begleitet. Zu Beginn der Freiberuflichkeit habe ich mir viele Informationen bei anderen IT-Freiberuflern besorgt. Die Umsetzung, also die Anmeldung beim Finanzamt, (dieses eine Formular) habe ich gemeinsam mit dem Steuerbüro durchgeführt. Später bei der GmbH-Gründung hat es auch unterstützt und alles Wesentliche organisiert. Später haben wir auch Kontakte zu den Senioren der Wirtschaft aufgebaut und dort Beratung erfahren.

Was ist für Sie besonders spannend in der beruflichen Selbstständigkeit?

Die fachliche Arbeit hat sich kaum geändert. Als spannende Ergänzung kamen vor allem die Geschäftsführer-Tätigkeiten hinzu: Strategien ausarbeiten, verhandeln, Kaffee kaufen, Jahresabschlüsse, Umsatzsteuervoranmeldung.

Was waren während und nach der Gründung die größten Herausforderungen? Was sind aktuell Ihre unternehmerischen Herausforderungen? Wie gingen und gehen Sie damit um?

Herausforderungen während der Gründung sind mir nicht mehr präsent.
Allgemein ist unsere größte Herausforderung, die Balance zu finden zwischen der Annahme von Aufträgen und der Akquise. Unsere Aufträge sind in der Regel recht groß. Daher kann ein Auftrag mehr oder weniger schon das gesamte Unternehmen auslasten. Für uns ist es sehr kritisch, dass wir hier rechtzeitig nach Folgeaufträgen Ausschau halten.
Corona hat auch Spuren hinterlassen. Zunächst wurden viele Projekte schlagartig gestoppt, so dass wir uns sehr plötzlich um neue Themen und Auftraggeber kümmern mussten. Jetzt allerdings scheint sich ein größerer Projektstau zu lösen, wodurch wir sehr viele Anfragen bekommen.

Wann und warum haben Sie sich für eine Ansiedlung im Softwarezentrum entschieden?

Ich habe meine Freiberuflichkeit aus meiner privaten Wohnung heraus gestartet. Als klar war, dass mein Kollege ebenfalls mit einsteigen würde, haben wir uns nach Alternativen umgeschaut. Das Softwarezentrum war dann einfach die plausibelste Entscheidung. Das Preis-/Leistungsverhältnis, die örtliche Nähe und die Spezialisierung auf IT-Unternehmen sind für uns ausschlaggebend gewesen. Einen besonderen Mehrwert bringt die Vernetzung innerhalb des Softwarezentrums. Hier haben wir Experten für Spezialthemen, wie z.B. Marketing oder IT-Recht gefunden und den Hinweis bekommen, unseren Firmennamen entsprechend schützen zu lassen, damit es im Nachhinein keine bösen Überraschungen gibt. Ebenso konnten wir schnell und unbürokratisch unsere Räumlichkeiten entsprechend der Personalsituation aufstocken.

Welche konkreten Tipps und Anregungen möchten Sie an Gründer:innen weitergeben?

Man sollte nicht davor zurückschrecken, Unterstützung bei Verwaltungsthemen wie Buchhaltung, Steuer etc. in Anspruch zu nehmen. Diese Zeit ist besser in den Aufbau des eigenen Unternehmens oder des eigenen Fachwissens investiert. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, uns als Spezialisten und nicht als Generalisten aufzustellen; auch wenn dabei die ein oder andere Geschäftschance vorbeizieht.

Wo möchten Sie mit Ihrem Unternehmen in fünf Jahren stehen?

Wir wollen unser organisches Wachstum fortsetzen und mit Augenmaß neue, benachbarte Geschäftsfelder erschließen. Die nächsten großen Überraschungen kommen von ganz allein.

Herzlichen Dank für den Einblick und die Anregungen!

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