Interviewreihe “Fit für die Gründung – Profis starten durch!”

In diesen Interviews erzählen uns Gründerinnen und Gründer ihre persönliche Existenzgründungsgeschichte. Gemeinsam haben sie, dass sie den Sprung in die berufliche Selbstständigkeit aus einer Anstellung wagten.

Folge – 8 – mzb.de

Ob Marke, Erfindung oder Design: mzb.de hilft kreativen Köpfen, ihre Innovationen zu schützen. Die im Jahr 2013 von Elmar Meyer zu Bexten als Einzelunternehmen gegründete Patentanwaltskanzlei berät und vertritt hierzu Mandantinnen aus aller Welt vor unterschiedlichsten deutschen, europäischen und anderen internationalen Behörden und Organisationen.

Wie war Ihre berufliche Ausgangssituation vor der Gründung?

Elmar Meyer zu Bexten: Lange Geschichte, denn ich bin Spätzünder: Seit 1997 hatte ich in der Softwareentwicklung von IBM viele Stationen durchlaufen. Nach neun Jahren jedoch fand ich mich in einer Motivationskrise wieder. Die Karriereleiter, auf der ich stand, fühlte sich falsch an – ich begann, mit der Selbstständigkeit zu liebäugeln.

In dieser Phase traf ich einen Anwalt, der eine Diensterfindung für meinen Arbeitgeber patentierte. Interessiert fragte ich nach seinem Berufsbild, das mir auf vielen Ebenen reizvoll erschien. Ein neues Ziel nahm Gestalt an: der Aufbau einer erfolgreichen Kanzlei.

Dummerweise stand zwischen mir und meinem Unternehmen offenkundig ein Berufswechsel. So rief ich in unserer Patentabteilung an und fragte die Kollegen nach ihrem Bildungsweg. Wieder winkte das Schicksal, denn zufällig wurde dort ein Trainee gesucht.

Gleich zwei Fingerzeige ließen sich nicht ignorieren – mein Abenteuer nahm seinen Anfang. Bis zur Gründung sollten aber noch sieben Jahre ins Land gehen, denn zunächst waren ein weiteres Studium und zahlreiche Prüfungen zu meistern… und nebenbei eine Familie zu ernähren. Diese Gratwanderung führte mich zwischen 2007 und 2012 durch die Patentabteilung von Alcatel-Lucent, wo ich ein großartiges Team antraf.

Nach dem sogenannten Amtsjahr mit weiteren Prüfungen sowie einem Intermezzo in einer Wirtschaftskanzlei konnte ich endlich meinen Anwaltseid leisten. Somit waren sämtliche Voraussetzungen erfüllt, um Mandantinnen nicht nur vor dem Europäischen Patentamt, sondern auch vor deutschen Behörden und Gerichten zu vertreten: mzb.de war geboren!

Was war Ihre Motivation sich beruflich selbstständig zu machen?

Der Wunsch nach Selbstbestimmung und wirtschaftlicher Unabhängigkeit.

Welche Bedenken bzw. Ängste hatten Sie im Zusammenhang mit der Gründung und wie sind Sie damit umgegangen?

Als der Gründergeist bei mir erwachte, besaß ich Abschlüsse als Informatiker, Projektmanager und SAP-Anwendungsberater. Insofern lag der Gedanke an selbstständige Softwareentwicklung oder IT-Beratung nahe, aber jede dieser Optionen hätte finanzielle Einbußen oder ein Leben aus dem Koffer mit sich gebracht. So begann ich, in andere Richtungen zu denken, doch alle branchenfremden Geschäftsideen, die mir in den Sinn kamen, schienen für einen Familienvater waghalsig. Man könnte auch sagen: Ich war so feige, auf ein sicheres Erfolgsmodell zu warten – und hatte Glück.

Welche Veränderungen brachte die Selbstständigkeit für Sie?

Sie erweiterte meinen Horizont. Zwar verdanke ich der Industrie unschätzbare Begegnungen, Reisen und andere Erfahrungen. Rückblickend kommt mir mein damaliges Angestelltendenken in Tarifgruppen, Organigrammen und Jobtiteln aber fast kleingeistig vor. Heute darf ich mit Menschen aller Couleur und aus sämtlichen Branchen arbeiten; die Welt ist bunter geworden!

Was waren in und nach der Gründung die größten Herausforderungen? Welche sind es aktuell?

15 Jahre Teamarbeit in internationalen Konzernen haben mich geprägt. Meine ersten Berührungen mit traditionellen Großkanzleien lösten daher einen Kulturschock aus. Wie umgehen mit „Altpartnern“, die eingehende E-Mails ausdrucken lassen und „das Fräulein zum Diktat“ rufen?

Heute ist es eher die schiere Arbeitslast, die mich gelegentlich keuchen lässt. Eine Herausforderung liegt darin, zu erkennen, was sich delegieren lässt – ohne dass die Qualität des Endergebnisses leidet.

Wie haben Sie die ersten Kunden gewonnen?

Auf die altmodische Art: Ich habe geduldig zugehört und versucht, ihr individuelles Problem zu lösen. Dass ich zuvor selbst auf der Seite des Auftraggebers gestanden hatte, war der Sache sicher nicht hinderlich.

Was ist für Sie besonders spannend in der beruflichen Selbstständigkeit?

Die unternehmerische Freiheit, nur für und mit Menschen zu arbeiten, die ich mag.

Welche konkreten Tipps möchten Sie aktuellen Gründer:innen aus Ihrer eigenen Gründungserfahrung weitergeben?

Meine tägliche Erfahrung bestätigt zumindest eine unter Investor:innen altbekannte Weisheit: Bei den erfolgreichsten Gründungsteams, die ich begleite, ergänzen sich Fachkompetenz und Persönlichkeit der Einzelnen. Typisch scheint etwa die Paarung aus visionärem Strategen à la Steve Jobs und detailverliebtem Konstrukteur à la Steve Wozniak. Und nein, Apple ist keiner meiner Mandanten.

Welche Qualitäten sollte man aus Ihrer Erfahrung als Unternehmer:in mitbringen bzw. sich aneignen?

Eine gewisse Beratungsresistenz kann wohl nicht schaden, aber vielleicht spricht da auch westfälische Sturheit aus mir.

Gibt es unternehmerischen Entscheidungen, die Sie rückblickend anders treffen würden?

Kurz nach der Gründung wurde ich von Widersachern mit unberechtigten Abmahnungen überzogen. Um den darauffolgenden Rechtsstreit abzukürzen, habe ich seinerzeit eingelenkt – das nagt an mir. Auch wenn mich diese Antwort den Friedensnobelpreis kostet: Heute würde ich bis zum letzten Blutstropfen kämpfen.

Was hat sich nach Ihrer Gründung anders entwickelt als geplant und welche Auswirkungen hatte dies?

Nach 15 Ehejahren trennte sich meine Frau von mir, die mich auch beruflich unterstützt hatte. So stand ich plötzlich als alleinerziehender Einzelunternehmer da. Inzwischen ist meine Ehe geschieden und mein Sohn ein tapferer, liebevoller Mann, aber die letzten fünf Jahre haben viel Kraft gekostet.

Stellen Sie sich vor, es kommt eine gute Fee vorbei und Sie haben zwei unternehmerische Wünsche frei, welche wären das?

  1. Ein Start-up unter meinen Schützlingen findet ein Heilmittel gegen Krebs, gibt das Patent frei und schmeißt eine dreitägige Party für die ganze Welt – mit mir als Ehrengast 😉.
  2. Gehe zu 1.

Herzlichen Dank für den Einblick und die Anregungen!

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